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Trophäe Lola des Deutschen Filmpreises – ACH, DIESE LÜCKE von Simon Verhoeven ist siebenfach nominiert
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AnalyseDeutscher Filmpreis 20267 Nominierungen

ACH, DIESE LÜCKE, DIESE ENTSETZLICHE LÜCKE – Wenn der Verlust eine Villa in Nymphenburg bewohnt

Sieben Nominierungen beim Deutschen Filmpreis 2026 für Simon Verhoevens Verfilmung von Joachim Meyerhoffs autobiografischem Roman. Eine Analyse: Regie, Drehbuch, Ensemble und Tongestaltung zwischen Komik und Trauer.

Zanoa·

„Ich schaue, du beobachtest." Der Satz fällt beiläufig, früh im Film, und man könnte ihn als Bonmot überhören. Aber er enthält die gesamte Mechanik dessen, was Simon Verhoevens Verfilmung von Joachim Meyerhoffs autobiografischem Roman antreibt: die Differenz zwischen dem, der lebt, und dem, der zuschaut, wie er lebt. Zwischen dem Schauspieler, der werden soll, und dem Beobachter, der schon immer war.

Sieben Nominierungen für den Deutschen Filmpreis 2026 – Bester Spielfilm, Beste Regie, Bestes Drehbuch, dazu Nominierungen für drei Schauspielleistungen und die Tongestaltung –, über eine Million Kinobesucher seit dem Start am 29. Januar, Platz 1 der Arthouse-Charts noch in der ersten Woche: Die Zahlen wären eine Geschichte für sich. Aber die interessantere Geschichte ist die, die hinter den Zahlen liegt.

Denn Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke ist kein Publikumserfolg trotz seiner Komplexität. Er ist einer wegen ihr.

Prämisse: Zwei Welten in München

Meyerhoffs Romanreihe Alle Toten fliegen hoch – sechs Bände autobiografischer Prosa, in der ein Schauspieler sein eigenes Werden rekonstruiert – gehört zu den erstaunlichsten literarischen Projekten der letzten Jahre im deutschsprachigen Raum. Der dritte Band, 2015 erschienen, erzählt von den Münchner Jahren: Joachim, Anfang zwanzig, wird an der Otto-Falckenberg-Schule aufgenommen und zieht in die Villa seiner Großeltern Inge und Hermann im Nymphenburger Villenviertel. Dort beginnt ein Doppelleben, das komischer und trauriger ist, als es eine Zusammenfassung einfangen kann.

Auf der einen Seite die Schauspielschule – eine Welt aus absurden Übungen, Demütigungsritualen und einem Selbstfindungspathos, das Meyerhoff mit der Präzision eines Ethnologen seziert. Auf der anderen die Großeltern, ein altes Ehepaar, das seinen Alltag in Ritualen organisiert hat, die längst keinen Anlass mehr brauchen: Gurgelübungen am Morgen, Spaziergänge durch den Park, die abendliche Whiskey-Stunde, bei der die ehemalige Schauspielerin Inge und der emeritierte Philosophieprofessor Hermann in einer Vertrautheit koexistieren, die nur möglich ist, wenn man nichts mehr beweisen muss.

Zwischen diesen Welten: Joachim, der seinen Bruder durch einen Autounfall verloren hat und die Lücke, die der Titel aus Goethes Werther zitiert, nicht füllen, sondern aushalten muss.

Autorenschaft: Verhoevens eigene Familienaufstellung

Filmstill ACH, DIESE LÜCKE – Regie Simon Verhoeven
Platzhalter · Foto: Clemens Porikys / Deutsche Filmakademie

Simon Verhoeven, der das Drehbuch schrieb und Regie führte, hat eine persönliche Verbindung zu diesem Stoff, die tiefer reicht als die meisten Regisseur-Vorlage-Beziehungen. Senta Berger, die Inge spielt, ist seine Mutter. Michael Verhoeven, sein Vater, Filmemacher und Produzent, starb im April 2024 – ein Jahr vor Drehbeginn.

Verhoeven hat in Interviews davon gesprochen, dass der Tod seines Vaters die Arbeit an Ach, diese Lücke verändert habe: „Man ist verletzlicher, man hat andere Antennen, man ist sensibler, man ist tiefer gelegt." Seine Mutter nannte die Dreharbeiten „eine schöne Betäubung" – weil der Schmerz nicht weggehe, aber das Arbeiten ihm eine Form gebe.

Man muss diese Hintergrundgeschichte nicht kennen, um den Film zu verstehen. Aber man spürt sie. Verhoeven inszeniert die Großelternszenen mit einer Wärme, die nie in Sentimentalität kippt, und mit einer Genauigkeit, die darauf hindeutet, dass hier jemand Räume beschreibt, die er kennt. Die Villa, die Rituale, das Nebeneinander von Divenhaftigkeit und Hinfälligkeit – das sind keine Kulissen, das sind bewohnte Erinnerungen. Dass die FAZ die Verfilmung als Verhoevens „eigene Familienaufstellung" beschrieb, trifft den Punkt.

S

Simon Verhoeven

J

Joachim Meyerhoff

S

Senta Berger

Ensemble: Grandezza, Gravitationszentrum, Grundzustand

Ensemble ACH, DIESE LÜCKE – Senta Berger, Michael Wittenborn, Bruno Alexander
Platzhalter · Foto: Clemens Porikys / Deutsche Filmakademie

Senta Berger, nominiert als Beste Hauptdarstellerin, spielt Inge mit einer Mischung aus Grandezza und Fragilität, die verblüfft, weil sie die Grenze zwischen Karikatur und Porträt nicht überschreitet, sondern auf ihr balanciert. Inge ist eine ehemalige Schauspielerin, die den Gestus der großen Bühne in den Alltag überführt hat: Sie ruft ihren Enkel „Lieberling", sie inszeniert jede Mahlzeit, sie trinkt mit der Eleganz einer Frau, die das Trinken nie als Problem begriffen hat, sondern als Stil. Berger zeigt das, ohne Inge zu entlarven. Man lacht über diese Frau, und im nächsten Moment begreift man, dass die Exzentrik ein Schutzschild ist gegen das Verschwinden.

Michael Wittenborn, nominiert als Bester Nebendarsteller, spielt Hermann als stilles Gravitationszentrum des Films. Wo Inge die Bühne beherrscht, bewohnt Hermann das Studierzimmer: ein Mann, der sein Leben lang gedacht hat und jetzt, im Alter, die Sätze langsamer setzt. Wittenborns Hermann ist streng, aber nicht kalt; distanziert, aber fähig zu einer Zärtlichkeit, die sich in einzelnen Gesten zeigt – dem Vorlesen des Werther-Zitats, der Hand auf dem Arm seiner Frau, dem Blick, der den Enkel mustert, als suche er in ihm etwas, das er selbst verloren hat. Zusammen liefern Berger und Wittenborn das, was ein Kritiker als „die perfekte Verkörperung eines alternden Paares zwischen äußerlicher Erstarrung und innigster Vertrautheit" beschrieb.

Bruno Alexander, nominiert als Bester Hauptdarsteller, hat die schwierigste Aufgabe: einen jungen Mann zu spielen, der noch nicht weiß, wer er ist – und der das vor einer Kamera tun muss, die normalerweise Menschen beobachtet, die genau das wissen. Alexander, der über Die Discounter bekannt wurde und in der Kinderserie Pfefferkörner begann, macht aus Joachim keinen charmanten Antihelden, sondern einen Beobachter, der sich selbst beim Beobachten zuschaut. Er spielt Unsicherheit nicht als Pose, sondern als Grundzustand. In den Schauspielschulszenen – die Dozentin, gespielt von Karoline Herfurth, verlangt von ihm, er solle „mit den Brustwarzen lächeln" – ist Alexanders Joachim komisch, weil er es nicht versucht. Und in den Szenen mit den Großeltern entwickelt er eine Verletzlichkeit, die den Film trägt, ohne ihn zu erdrücken.

S

Senta Berger

M

Michael Wittenborn

B

Bruno Alexander

K

Karoline Herfurth

Regie: Tonalitätsarbeit

Verhoevens Regie wurde für die Lola nominiert, und es lohnt sich, genauer hinzusehen, was er hier tut – und was nicht. Er inszeniert keinen Autorenfilm im klassischen Sinn. Kein stilistischer Eigensinn, keine formale Provokation. Was Verhoeven kann, und was diese Nominierung rechtfertigt, ist Tonalitätsarbeit: die Fähigkeit, in ein und derselben Szene komisch und schmerzhaft zu sein, ohne dass einer der beiden Register das andere auffrisst.

Das ist handwerklich anspruchsvoller, als es aussieht. Meyerhoffs Roman lebt von einer Prosa, die Tragik und Komik nicht gegeneinander ausspielt, sondern ineinander verschränkt. Verhoeven findet dafür eine filmische Entsprechung, die dem Text nicht sklavisch folgt, aber seinen Ton trifft.

S

Simon Verhoeven

J

Joachim Meyerhoff

Handwerk: Kamera und Ton

Dass die Kamera von Jo Heim nicht nominiert wurde, ist erwähnenswert, weil es etwas über die Prioritäten der Akademie erzählt. Heims Bilder sind unauffällig im besten Sinne: Sie dienen den Szenen, rahmen Gesichter, lassen Räume atmen, ohne sich jemals vorzudrängen. Es ist eine Kameraarbeit, die genau das tut, was der Film braucht – und genau deswegen vielleicht nicht auffällt.

Die Tongestaltung dagegen, für die Eckhard Kuchenbecker, Dominik Schleier, Nico Krebs, Christoph Merkele und Hanse Warns nominiert sind, arbeitet mit einer Sorgfalt, die den Film subtil grundiert. Die Villa in Nymphenburg klingt anders als die Schauspielschule: dort Holz, Stoff, das Ticken einer Standuhr; hier hallende Probenräume, nackte Dielen, das Echo von Stimmen, die sich verausgaben. Der Ton erzählt die soziale Geografie des Films mit, ohne sie auszubuchstabieren.

J

Jo Heim

E

Eckhard Kuchenbecker

D

Dominik Schleier

N

Nico Krebs

Produktion: Ein Kreis, der sich schließt

Dass Komplizen Film hinter der Produktion steht – Maren Ade, Janine Jackowski, Jonas Dornbach –, gibt dem Projekt ein Gewicht, das über die einzelne Verfilmung hinausgeht. Komplizen Film, gegründet 1999 von Ade und Jackowski an der HFF München, hat sich mit Toni Erdmann in die erste Liga des europäischen Autorenkinos geschossen: Europäischer Filmpreis, Oscar-Nominierung, ein Film, der die Grammatik der deutschen Tragikomödie neu geschrieben hat. Dass dieselbe Firma nun einen Meyerhoff-Roman produziert, der in München spielt und von der Schauspielschule erzählt, an deren Nachbarinstitution Ade und Jackowski studiert haben, ist kein Zufall – es ist ein Kreis, der sich schließt.

Warner Bros. Film Productions Germany als Koproduzent und Verleiher bringt die Infrastruktur mit, die den Film in über 500 Kinos brachte. Die Sentana Filmproduktion und die Doll Filmproduktion vervollständigen das Produktionsnetzwerk. Beta Cinema übernahm den Weltvertrieb. Es ist eine Konstellation, die zeigt, wie durchlässig die Grenzen zwischen Arthouse und Mainstream im deutschen Kino geworden sind – oder werden können, wenn ein Stoff die richtige Verbindung aus literarischer Reputation, schauspielerischer Anziehungskraft und produktioneller Kompetenz findet.

Ausblick: 29. Mai, Palais am Funkturm

ACH, DIESE LÜCKE – Deutscher Filmpreis 2026
Platzhalter · Foto: Clemens Porikys / Deutsche Filmakademie

Die Vorgängerverfilmung – Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war von Sonja Heiss, 2023 – war unterhaltsam und üppig ausgestattet, blieb aber, wie manche Kritiker anmerkten, zu oft an der Oberfläche. Verhoeven geht einen Schritt weiter, ohne den Unterhaltungswert zu opfern. Sein Film ist eine Coming-of-Age-Geschichte, die gleichzeitig eine Abschiedsgeschichte ist: Joachim kommt im Leben an, während seine Großeltern es verlassen. Die Symmetrie ist nicht aufgesetzt, sie liegt im Stoff. Verhoeven hat die Klugheit, sie nicht auszustellen, sondern sie passieren zu lassen.

Es gibt Filme, die das eigene Leben tiefer machen – so hat es ein Kritiker formuliert, und es klingt nach einer dieser Sätze, die man auf Plakate druckt. Aber für Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke stimmt er, weil der Film genau das tut: Er zeigt Verlust nicht als Katastrophe, sondern als Bedingung. Die Lücke, die der Titel benennt – Goethes Werther meint die Sehnsucht nach Liebe, Meyerhoff meint den toten Bruder, Verhoeven meint vielleicht den toten Vater –, wird nicht gefüllt. Sie wird bewohnt. Mit Gurgelübungen, Whiskey-Stunden und der stoischen Weigerung, das Leben aufzugeben, nur weil es wehtut.

Ob die Akademie diese Leistung am 29. Mai mit Lolas honoriert, ist offen. Verhoeven tritt in der Kategorie Beste Regie gegen İlker Çatak und Mascha Schilinski an – gegen Gelbe Briefe und In die Sonne schauen, zwei Filme, die formal ehrgeiziger und politisch dringlicher sind. Aber Ach, diese Lücke hat etwas, das keiner der Konkurrenten in dieser Form bietet: eine emotionale Großzügigkeit, die sich nicht scheut, vom Glück zu erzählen, das im Vergehen liegt. Und einen Cast, der diese Großzügigkeit in jeder Szene einlöst.

Senta Berger konnte nach einem schweren Sturz nicht an der Premiere teilnehmen. Verhoeven sagte, es gehe ihr besser. Der Film läuft weiter. Die Lücke bleibt. Und jemand gurgelt.

Credits

Regie & Drehbuch

S

Simon Verhoeven

Romanvorlage

J

Joachim Meyerhoff

Kamera

J

Jo Heim

Tongestaltung

E

Eckhard Kuchenbecker

D

Dominik Schleier

N

Nico Krebs

C

Christoph Merkele

H

Hanse Warns

Darstellende

B

Bruno Alexander

S

Senta Berger

M

Michael Wittenborn

K

Katharina Stark

K

Karoline Herfurth

T

Tom Schilling

A

Anne Ratte-Polle

D

Devid Striesow

F

Friedrich von Thun

Produktion

Komplizen Film, Warner Bros. Film Productions Germany, Doll Filmproduktion

Land / Jahr

Deutschland 2026

Verleih

Warner Bros. Pictures

Nominierungen Deutscher Filmpreis 2026

Bester Spielfilm
Beste Regie (Simon Verhoeven)
Bestes Drehbuch (Simon Verhoeven)
Beste weibliche Hauptrolle (Senta Berger)
Beste männliche Hauptrolle (Bruno Alexander)
Beste männliche Nebenrolle (Michael Wittenborn)
Beste Tongestaltung

7 Nominierungen gesamt

Die Verleihung des 76. Deutschen Filmpreises findet am 29. Mai 2026 im Palais am Funkturm in Berlin statt.

Quellen

Das OS für Filmemacher

Wer steckt hinter dem Film?

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