
DAS VERSCHWINDEN DES JOSEF MENGELE – Ein Monster, das sich weigert zu verschwinden
Sieben Nominierungen beim Deutschen Filmpreis 2026 für Kirill Serebrennikovs Verfilmung von Olivier Guez' Roman. August Diehl, der Farbwechsel nach Auschwitz und ein internationales Produktionsnetzwerk im Berliner Exil – eine Analyse.
Der Film beginnt in der Gegenwart. Medizinstudenten in Brasilien beugen sich über ein Skelett. Unter ihnen ein Paar schwarzer Zwillinge. Ihr Professor erwähnt Mengeles Fixierung auf Zwillingsforschung. Es ist ein Bild, das wie eine Fußnote wirkt und wie eine Detonation funktioniert: Die Knochen des Täters, untersucht von den Nachkommen derer, die er als Material betrachtete. Kirill Serebrennikov braucht keine Erklärung für diese Szene. Er stellt sie hin und lässt sie arbeiten.
Sieben Nominierungen für den Deutschen Filmpreis 2026, Cannes Première 2025, ein Regisseur im Berliner Exil, ein deutscher Hauptdarsteller, der eine der verstörendsten Verkörperungen des Jahres liefert – und trotzdem ein Film, über den man sich streiten muss.
Das Verschwinden des Josef Mengele ist kein Film, den man mögen soll. Er ist ein Film, der eine Frage stellt, die unbequemer ist als alles, was Gelbe Briefe oder In die Sonne schauen verhandeln: Was passiert mit einem Massenmörder, wenn er aufhört, ein Massenmörder zu sein? Oder genauer: Hört er je auf, einer zu sein?
Adaption: Drei Decknamen, ein zerfallender Mann
Serebrennikov, der seit der russischen Invasion in der Ukraine in Berlin lebt, hat sich in den letzten Jahren als einer der produktivsten und formal unberechenbarsten Regisseure des europäischen Kinos etabliert. Leto, Petrows Grippe, Tschaikowskys Frau, Limonov – in Cannes ist er Stammgast, und jedes Mal bringt er einen Film mit, der mit dem vorherigen nichts zu tun hat, außer einer gewissen Bereitschaft, Figuren ernst zu nehmen, die sich dagegen wehren, ernst genommen zu werden.
Für Das Verschwinden des Josef Mengele adaptiert er den gleichnamigen Roman des französischen Journalisten Olivier Guez, der 2017 mit dem Prix Renaudot ausgezeichnet wurde. Guez' Buch ist ein dokumentarischer Roman, geschrieben aus der Perspektive des Täters – eine Entscheidung, die bereits in der Vorlage kontrovers war. Serebrennikov übernimmt diese Perspektive und verschärft sie. Sein Film folgt Mengele durch drei Jahrzehnte der Flucht, von Buenos Aires über Paraguay in den brasilianischen Dschungel, gegliedert in drei Kapitel, die nach Mengeles Decknamen benannt sind: Gregor, Peter, Pedro. Mit jedem Namen wird die Identität dünner. Was bleibt, ist ein Mann, der sich auflöst, ohne je zu bereuen.
August Diehl: Das Monster mit Manieren

August Diehl, nominiert als Bester Hauptdarsteller, spielt Mengele nicht als Monster mit Fratze, sondern als Monster mit Manieren. Das ist die eigentliche Provokation. Diehls Mengele in den argentinischen Jahren ist ein bürgerlicher Mann, der seinen Anzug zurechtzupft, der bei Empfängen der Nazi-Diaspora Konversation macht, der über Zucht und Genetik spricht, als handle es sich um Gartenbau. Er geht gebückt, die Körpersprache eines Mannes, der nicht gesehen werden will, aber nicht aufhören kann, sich für überlegen zu halten. Es ist eine Darstellung, die Hannah Arendts Konzept der „Banalität des Bösen" nicht zitiert, sondern verkörpert – und genau darin liegt ihre Wucht.
Im Verlauf des Films – 135 Minuten, die sich nie bequem anfühlen – zerfällt Mengele. Nicht moralisch, denn eine Moral, die zerfallen könnte, besitzt er nicht. Sondern physisch, sozial, existenziell. Paraguay unter Stroessner bietet Schutz, bis die politischen Winde drehen. Brasilien wird zum letzten Versteck, eine Hütte, ein alternder Mann, der sich vor dem Mossad fürchtet und zugleich nicht begreift, warum ihn die Welt nicht in Ruhe lässt. Diehl spielt diese Stufen des Verfalls mit einer Präzision, die beängstigend ist, weil sie keine einzige Identifikation anbietet – und trotzdem keine Distanz erlaubt. Man schaut diesem Mann beim Verwesen zu, und der Film weigert sich, das als Genugtuung zu verkaufen.
August Diehl
Kirill Serebrennikov
Schlüsselszene: Der Farbwechsel nach Auschwitz

Die kontroverseste Szene des Films ist der Farbwechsel. Das Verschwinden des Josef Mengele ist fast durchgehend in Schwarz-Weiß gedreht – Vladislav Opelyants' Kamera, nominiert für die Lola, arbeitet mit scharfen Kontrasten und einem kühlen Silberfilm-Look, der die südamerikanischen Schauplätze jeder Exotik beraubt. Dann, etwa in der Mitte des Films, schaltet das Bild in Farbe um. Wir sind in Auschwitz. Sonnenschein, Mengele lächelt, Musik spielt. Es sind Mengeles Erinnerungen an das Lager – nicht als Trauma, sondern als Glück. Die Farbe ist nicht Realismus, sie ist Mengeles subjektive Wahrheit: Auschwitz war die Zeit, in der er sich lebendig fühlte.
Die Reaktionen waren gespalten. Manche sahen darin einen brillanten formalen Eingriff – die visuellen Mittel des Films gegen die Erwartungen des Zuschauers gerichtet, eine Entlarvung der Täterpsyche, die wirksamer ist als jede Anklageschrift. Andere empfanden die Szene als Grenzüberschreitung, als Spektakularisierung von Leid in einer Ära, in der Son of Saul und The Zone of Interest bewiesen haben, dass Zurückhaltung die mächtigere Geste ist. Beide Positionen haben Substanz. Serebrennikov hat sich für die Konfrontation entschieden, und diese Entscheidung definiert den Film – im Guten wie im Schwierigen.
Vladislav Opelyants
Bildgestaltung & Szenenbild: Eine Welt, die sich selbst vergisst
Opelyants' Kamera, die bereits bei Leto für ihre stilisierte Schwarzweiß-Ästhetik überzeugte, schafft für Das Verschwinden eine visuelle Sprache, die zwischen Beobachtung und Verfolgung oszilliert. Die Kamera folgt Mengele häufig von hinten – ein filmisches Mittel, das Paranoia erzeugt, ohne sie zu erklären. Wir sehen, was Mengele sieht, und ahnen, was hinter ihm lauert. In den argentinischen Gesellschaftsszenen weitet Opelyants den Raum, lässt die Empfänge und Dinnerpartys der Nazi-Exilgemeinde in kaltem Licht schimmern; in den brasilianischen Dschungelszenen verengt sich das Bild, wird dunkler, enger, klaustrophobischer. Der visuelle Bogen des Films ist der Bogen eines Mannes, dem die Welt schrumpft.
Vladislav Ogays Szenenbild, ebenfalls nominiert, leistet die Rekonstruktionsarbeit, die ein Film dieser Spannweite verlangt – Buenos Aires in den Fünfzigern, Paraguay unter Stroessner, Brasilien in den Siebzigern –, ohne jemals in Historienfilm-Opulenz zu verfallen. Die Schauplätze wurden in Uruguay und Lettland gedreht, nicht an den Originalorten, aber die Illusion funktioniert, weil Ogay nicht auf Oberflächen setzt, sondern auf Texturen: abblätternder Putz, staubige Jalousien, das Interieur einer Welt, die sich selbst vergisst.
Tatiana Dolmatovskayas Kostümbild und Mariia Tutukinas Maskenbild – beide nominiert – arbeiten Hand in Hand mit dieser Ästhetik. Mengeles Verwandlung vom gepflegten Gentleman zum verwahrlosten Einsiedler ist auch eine Geschichte, die in Kleidung und Gesicht erzählt wird: die Anzüge werden billiger, die Haut wird dünner, der Bart wächst, bis am Ende ein Greis am Strand von Bertioga ertrinkt, den niemand vermisst.
Vladislav Opelyants
Vladislav Ogay
Tatiana Dolmatovskaya
Mariia Tutukina
Tongestaltung: Laut, überladen, nervös
Die Tongestaltung – David Almeida-Ribeiro, Olivier Touche, Olivier Goinard, ebenfalls nominiert – gibt dem Film eine akustische Textur, die das Bild ergänzt, ohne es zu duplizieren. Die südamerikanischen Soundscapes – Dschungellärm, Straßengeräusche, das Rauschen eines Radios, aus dem Nachrichten über den Eichmann-Prozess kommen – erzeugen eine Atmosphäre permanenter Unruhe. Serebrennikov arbeitet hier bewusst gegen die Stille, die viele Holocaust-Filme als Mittel der Würde einsetzen. Sein Film ist laut, überladen, nervös – weil Mengeles Kopf es ist.
David Almeida-Ribeiro
Olivier Touche
Olivier Goinard
Produktion: Ein Netzwerk jenseits nationaler Grenzen
Felix von Boehm und Lupa Film, die den Film produziert haben, stehen für eine Spielart des deutschen Kinos, die international denkt, ohne die deutsche Förderlandschaft zu verlassen. Die Koproduktion mit CG Cinema (Frankreich) und Hype Studios erweitert den Radius: Serebrennikov, ein Russe im Berliner Exil, verfilmt den Roman eines Franzosen über einen Deutschen, der in Südamerika lebt, gedreht in Lettland und Uruguay, auf Deutsch, Spanisch und Portugiesisch. Das ist keine Randnotiz – es ist die Produktionsrealität eines europäischen Kinos, das nationale Grenzen als das behandelt, was sie für Geschichten dieser Größenordnung sind: irrelevant.
Felix von Boehm
Kirill Serebrennikov
Ausblick: Ein Film, der keine Katharsis anbietet
Serebrennikov selbst hat in Cannes die Ehrenlegion erhalten und dabei von denen gesprochen, die „in Gefängnissen verrotten, weil sie an etwas glauben". Ein Regisseur, der sein Land verlassen musste, weil er sich weigerte zu schweigen, dreht einen Film über einen Mann, der sein Land verließ, weil er zu viel getan hatte. Die Parallele ist nicht symmetrisch – sie ist grotesk, und vielleicht ist genau das der Punkt. Serebrennikov interessiert sich für Menschen, die an den Rändern von Systemen leben, die sie entweder bekämpfen oder bedienen. Limonov, Tschaikowski, Mengele – so verschieden diese Figuren sind, sie teilen die Eigenschaft, dass sie sich weigern, in die Kategorien zu passen, die die Welt für sie bereithält.
Ob die Deutsche Filmakademie am 29. Mai einem Film sieben Lolas zutraut, der seinen Zuschauern keine Katharsis anbietet, ist eine andere Frage. Das Verschwinden des Josef Mengele konkurriert in der Kategorie Bester Spielfilm mit Werken, die zugänglicher sind, emotionaler, einladender. Aber August Diehls Darstellung allein – dieses geduldige, unerbittliche Porträt eines Mannes, der sich selbst für normal hält, während die Welt um ihn herum begriffen hat, was er ist – gehört zu den stärksten schauspielerischen Leistungen des deutschen Kinos der letzten Jahre. Und hinter Diehl steht ein Ensemble internationaler Filmschaffender, dessen Verbindungslinien von Moskau über Berlin und Paris bis nach Montevideo reichen, ein Netzwerk aus Exil, Koproduktion und künstlerischer Notwendigkeit, das weit mehr erzählt als ein einzelner Film fassen kann.
Mengele ertrank 1979 vor der Küste Brasiliens. Er wurde unter falschem Namen begraben. Erst 1985 identifizierte man die Leiche. Serebrennikov beginnt seinen Film mit den Knochen und endet mit dem Wasser. Dazwischen: 135 Minuten, in denen ein Mann nicht verschwindet, so sehr er es auch versucht. Die Lücke, die er hinterlässt, ist keine, die man füllen will. Aber eine, die man kennen muss.
Credits
Regie & Drehbuch
Kirill Serebrennikov
Romanvorlage
Olivier Guez
Kamera
Vladislav Opelyants
Szenenbild
Vladislav Ogay
Kostümbild
Tatiana Dolmatovskaya
Maskenbild
Mariia Tutukina
Musik
Ilya Demutsky
Schnitt
Hansjörg Weißbrich
Tongestaltung
David Almeida-Ribeiro
Olivier Touche
Olivier Goinard
Hauptbesetzung
August Diehl
Maximilian Meyer-Bretschneider
Dana Herfurth
Friederike Becht
Burghart Klaußner
David Ruland
Produktion
Felix von Boehm
Produktionsfirma
Lupa Film
Koproduktion
CG Cinema · Hype Studios
Land / Jahr
Deutschland / Frankreich 2025
Länge
135 Minuten
Nominierungen Deutscher Filmpreis 2026
7 Nominierungen
Festivalpremiere
Die Verleihung des 76. Deutschen Filmpreises findet am 29. Mai 2026 im Palais am Funkturm in Berlin statt.
Quellen
Das OS für Filmemacher
Wer steckt hinter dem Film?
Auf ZANOA sind Credits, Kollaboration und kreative Netzwerke hinter den nominierten Filmen des Deutschen Filmpreises 2026 sichtbar und nachvollziehbar.
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