
IM PRINZIP FAMILIE – oder: Was passiert, wenn Liebe ein Dienstplan ist
Nominiert für den Deutschen Filmpreis 2026 als Bester Dokumentarfilm: Daniel Abmas siebenjährige Langzeitbeobachtung einer Wohngruppe in Brandenburg – und eine stille Verteidigung des beobachtenden Kinos.
Ein Kind wirft einen Teller gegen die Wand. Der Erzieher sagt nichts.
Er räumt die Scherben auf, stellt einen neuen Teller hin. Der Junge schaut zu, irritiert, vielleicht auch erleichtert, weil nichts Schlimmes passiert ist. Dann setzt er sich wieder an den Tisch. Es ist eine Szene, die Daniel Abma nicht inszeniert hat, weil man so etwas nicht inszenieren kann. Man kann es nur filmen, wenn man lange genug da ist, um unsichtbar zu werden.
Abma war lang genug da. Über mehrere Jahre hat er eine Wohngruppe für Jungen im ländlichen Brandenburg begleitet – fünf Kinder zwischen sieben und vierzehn, drei Erzieher im Schichtdienst, ein Haus am See, umgeben von Wald. Die Kulisse klingt nach Idylle, der Alltag nach etwas anderem: Elterngespräche, die platzen. Jugendamtstermine, die verschieben, was nicht verschoben werden kann. Kinder, die nach Hause wollen, auch wenn zu Hause der Grund ist, warum sie hier sind. Im Prinzip Familie, nominiert für den Deutschen Filmpreis 2026 als Bester Dokumentarfilm, macht eine Arbeit sichtbar, die in Deutschland von Hunderttausenden geleistet wird und die fast niemand sieht.
Methode: Beobachten, ohne zu erklären

Das Bemerkenswerteste an Abmas Film ist das, was er nicht tut. Er klagt nicht an. Er erklärt nicht. Er ordnet nicht ein. Die Wohngruppe wird nicht als Symptom eines versagenden Systems gezeigt und nicht als Rettungsgeschichte verklärt. Abma beobachtet – und das Wort muss man wörtlich nehmen, denn beobachtendes Kino in dieser Konsequenz ist im deutschen Dokumentarfilm selten geworden, in einer Zeit, die Essay-Formate, hybride Formen und autofiktionale Zugänge bevorzugt.
Was er beobachtet, sind drei Erzieher: Antje, Max und Sören. Nicht ihre Privatheit, sondern ihre Professionalität – und die Momente, in denen die Grenze dazwischen unkenntlich wird. Wenn Sören abends am Bett eines Jungen sitzt und vorliest, weil der Junge nicht einschlafen kann, dann ist das ein pädagogischer Akt und zugleich eine Geste, die sich von dem, was ein Vater tun würde, kaum unterscheidet. Der Unterschied ist: In acht Stunden endet die Schicht, und jemand anderes übernimmt. Die Kinder spüren das. Der Film spürt das. Und Abma hat die Diskretion, es nicht auszubuchstabieren.
Daniel Abma
Regie: Von der Grundschulpädagogik zum Kino

Daniel Abma, 1978 in Westerbork in den Niederlanden geboren, kam über Umwege zum Film. Er studierte zunächst Grundschulpädagogik, arbeitete als Medienpädagoge in Berlin, bevor er an der Filmuniversität Babelsberg Regie studierte. Die pädagogische Vorgeschichte ist kein biografisches Detail – sie ist die Grundlage seiner Methode. Abma weiß, wie man sich Kindern nähert, ohne sie zu bedrängen. Er weiß, was ein Klassenzimmer ist, ein Jugendamt, ein Bericht, der abends geschrieben werden muss, wenn die Kinder schlafen. Dieser Film wurde nicht von jemandem gedreht, der eine fremde Welt entdeckt. Er wurde von jemandem gedreht, der eine vertraute Welt sichtbar macht.
Sein Debüt Nach Wriezen (2012), eine Langzeitbeobachtung junger Menschen nach der Entlassung aus dem Jugendgefängnis, wurde mit dem Grimme-Preis ausgezeichnet. Transit Havanna (2016) begleitete transgender Personen in Kuba. Autobahn (2019) erzählte vom Streit um eine Ortsumgehung in Ostwestfalen. Jeder dieser Filme ist protagonist:innenzentriert, beobachtend, sozial – und jeder weigert sich, Lösungen anzubieten. Abma zeigt Zustände, nicht Thesen.
Daniel Abma
Kamera & Ton: Teil des Hauses werden

Im Prinzip Familie ist die Verdichtung dieser Methode. Die über vierzig Drehtage verteilen sich auf ein Jahr, immer mit demselben Team: Abma, Kameramann Johannes Praus, Tonmeisterin Alexandra Praet. Die Kontinuität der Crew ist kein Luxus, sondern Voraussetzung: Ein beobachtender Dokumentarfilm mit Kindern funktioniert nur, wenn die Kinder vergessen, dass eine Kamera da ist. Oder besser: wenn sie sie nicht mehr als Eindringling wahrnehmen, sondern als Teil des Hauses.
Praus, der für seine Arbeit am Film den Deutschen Kamerapreis 2025 erhielt, gelingt das, indem er Nähe herstellt, ohne Intimität zu verletzen. Seine Bilder sind warm, manchmal fast fiktional in ihrer Komposition – und sie wahren immer die Distanz, die der Respekt vor ihren Subjekten verlangt.
Johannes Praus
Alexandra Praet
Schlüsselszene: Eine Mutter als Satz in einem Bericht

Es gibt eine Szene, die das Prinzip des Films verdichtet. In einem Team-Meeting erwähnen die Erzieher eine Mutter, die es morgens nicht schafft, für die neue Arbeit aufzustehen, und von der Nachbarin geweckt werden muss. Abma könnte hier den Finger heben. Er könnte Kontext liefern, Statistiken, eine Expertin zuschalten. Er tut nichts davon. Die Szene bleibt in dem Raum, in dem sie stattfindet – am Tisch der Wohngruppe, zwischen Dienstplänen und kaltem Kaffee. Die Mutter ist nicht im Bild. Sie ist ein Satz in einem Bericht, und genau so erfahren die Erzieher von ihr: als Information, die verarbeitet werden muss, bevor die nächste kommt.
Die Dienstberichte selbst – gefilmt, während Antje, Max oder Sören sie nach Feierabend tippen – bilden eine eigene Ebene des Films. Sie sind die Sprache der Institution: nüchtern, formalisiert, sachlich. Und sie sind der Kontrast zu dem, was wir gerade gesehen haben: einem Abendessen, bei dem ein Junge zum ersten Mal lacht, nachdem er tagelang geschwiegen hat. Der Film montiert diese Ebenen nicht gegeneinander. Er stellt sie nebeneinander und lässt den Zuschauer die Kluft spüren zwischen dem, was erlebt wird, und dem, was dokumentiert wird.
Schnitt & Musik: Der Rhythmus der Wiederholung
Jana Dugnus' Montage arbeitet mit einer Ruhe, die dem Gegenstand angemessen ist. Kein hektischer Schnitt, keine dramaturgische Zuspitzung, keine Cliffhanger vor den Kapitelwechseln. Im Prinzip Familie hat, wie das Leben in der Wohngruppe, einen eigenen Rhythmus: den Rhythmus von Wiederholung, der kleinen Fortschritte und der Rückschläge, die niemand kommen sieht, obwohl alle sie kennen.
Henning Fuchs' Musik – die dritte Zusammenarbeit mit Abma nach Nach Wriezen und Autobahn – setzt melodische, fast pophafte Akzente, die den Film davor bewahren, in Schwere zu versinken. Ein Song, den Fuchs eigens für den Film komponierte, läuft über die Schlussszene: eine Party, bei der die Kinder tanzen. Es klingt wie ein Happy End, und der Film ist klug genug, es als das zu zeigen, was es ist: ein guter Abend. Nicht mehr, nicht weniger.
Jana Dugnus
Henning Fuchs
Ethik & Produktion: Sieben Jahre Vertrauen

Bandenfilm – die Produzentinnen Britta Strampe und Laura Klippel – hat den Film in Koproduktion mit dem RBB und Arte realisiert. Es ist eine Konstellation, die für den deutschen Dokumentarfilm typisch ist: öffentlich-rechtliche Sender als Koproduzenten, regionale und nationale Filmförderung als Finanzierungssäulen. Was Im Prinzip Familie von vielen Produktionen dieser Art unterscheidet, ist die Zeit, die man dem Projekt gegeben hat. Abma hat den Hof erstmals 2018 besucht, vermittelt durch einen Sozialarbeiter, den er bei einem Filmgespräch zu Nach Wriezen kennengelernt hatte. Zwischen dem ersten Besuch und dem Kinostart im Juni 2025 liegen sieben Jahre. Sieben Jahre, in denen Vertrauen aufgebaut, ethische Fragen verhandelt und dramaturgische Entscheidungen getroffen wurden, die sich nicht am Schneidetisch lösen lassen, sondern nur im Dialog mit den Beteiligten.
Die Fragen der Anonymisierung, die Abma und sein Team von Anfang an begleiteten, sind in einem Film über Kinder in der Jugendhilfe keine Randnotiz, sondern eine Grundsatzentscheidung. Alle Kinder werden nur beim Vornamen genannt. Ihre Nachnamen tauchen nicht auf. Der Ort der Wohngruppe bleibt unbekannt, Hinweise wurden digital entfernt. Es sind Maßnahmen, die den Film vordergründig einschränken – kein Ortsschild, kein Facebook-Profil zum Nachrecherchieren – und die ihn tatsächlich befreien. Weil Im Prinzip Familie durch die Anonymisierung aufhört, ein Film über diese spezifischen Kinder zu sein, und zu einem Film über das Prinzip wird, das der Titel benennt: Dass Familie nicht an Blutsverwandtschaft gebunden ist. Dass sie hergestellt werden kann, temporär, professionell, und trotzdem echt.
Britta Strampe
Laura Klippel
Ausblick: Eine Kategorie, die Aufmerksamkeit verdient

Der Film hat seit seiner Premiere auf dem DOK Leipzig im Oktober 2024 eine bemerkenswerte Laufbahn hinter sich: ver.di-Preis für Solidarität, Menschlichkeit und Fairness, Perception Change Award der Vereinten Nationen, Hauptpreis des Deutschen Dokumentarfilmpreises 2025, Deutscher Kamerapreis für Johannes Praus. Und nun die Nominierung für die Lola. In der Kategorie Bester Dokumentarfilm konkurriert er mit Sabine Lidls Siri Hustvedt – Dance Around the Self und Julian Vogels und Johannes Büttners Soldaten des Lichts. Es ist eine Kategorie, die bei der Lola-Verleihung traditionell weniger Aufmerksamkeit bekommt als die Spielfilm-Kategorien – und die genau deshalb wichtig ist, weil sie zeigt, welches Spektrum das deutsche Kino abdeckt.
Im Prinzip Familie braucht keine spektakulären Bilder und kein formales Experiment, um zu überzeugen. Der Film funktioniert, weil er das tut, was das Dokumentarkino im besten Fall tut: Er macht sichtbar, was da ist, aber nicht gesehen wird. Die Arbeit der Kinder- und Jugendhilfe, seit der Pandemie offiziell als systemrelevant anerkannt, bleibt weitgehend unsichtbar – und das nicht nur im Kino. Abma ändert das nicht, indem er einen Skandal aufdeckt oder eine Reform fordert. Er ändert es, indem er eine Kamera in ein Haus stellt und wartet, bis das Leben passiert. Das klingt einfach. Es ist das Schwierigste, was Dokumentarfilm kann.
Die Frage, die der Film stellt, ohne sie zu formulieren, reicht über seinen Gegenstand hinaus: Was schulden wir den Kindern, die nicht in funktionierende Familien hineingeboren werden? Und wer zahlt den Preis dafür, dass diese Frage so selten gestellt wird? Abmas Antwort ist kein Programm. Sie ist ein Bild: Ein Erzieher räumt Scherben auf. Stellt einen neuen Teller hin. Und macht weiter.
Credits
Regie & Drehbuch
Daniel Abma
Kamera
Johannes Praus
Ton
Alexandra Praet
Montage
Jana Dugnus
Musik
Henning Fuchs
Produktion
Britta Strampe
Laura Klippel
Produktionsfirma
Bandenfilm
Koproduktion
RBB in Zusammenarbeit mit Arte
Land / Jahr
Deutschland 2024
Länge
91 Minuten
Nominierung Deutscher Filmpreis 2026
1 Nominierung
Auszeichnungen
Die Verleihung des 76. Deutschen Filmpreises findet am 29. Mai 2026 im Palais am Funkturm in Berlin statt.
Quellen
Das OS für Filmemacher
Wer steckt hinter dem Film?
Auf ZANOA sind Credits, Kollaboration und kreative Netzwerke hinter den nominierten Filmen des Deutschen Filmpreises 2026 sichtbar und nachvollziehbar.
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